Multidirektionaler Wissenstransfer im Fokus: Fishbowl-Panel der AFK-Jahrestagung 2026 in Leipzig
Beim Fishbowl-Panel zum multidirektionalen Wissenstransfer auf der AFK-Jahrestagung 2026 in Leipzig diskutierten Wissenschaft und Praxis zentrale Herausforderungen und Chancen transdisziplinärer Friedens- und Konfliktforschung, insbesondere die Bedeutung von Transfer als integralen Bestandteil des gesamten Forschungsprozesses. Unter den Impulsgeber*innen war auch Ginger Schmitz, Geschäftsführerin der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung, die die wachsende Relevanz von Transfer im Zusammenspiel von Wissenschaft, Praxis, Politik und Öffentlichkeit hervorhob.
Der AFK-Arbeitskreis „Wissenschaft und Praxis“ führte das Fishbowl-Panel „Multidirektionaler Wissenstransfer als Beitrag zur Transdisziplinarität der Friedens- und Konfliktforschung“ durch, das Christoph Weller unter besonderem Hinweis auf die Praxisorientierung der Friedens- und Konfliktforschung mit seinen Transfer-Beobachtungen einleitete: Obwohl in Forschungs- und Förderprogrammen Transfer mehr denn je gefordert sei, werde er vom Wissenschaftssystem kaum belohnt. Wenn aber die Chancen der Transdisziplinarität für die Friedens- und Konfliktforschung ausgeleuchtet würden, sei Transfer ein wesentliches Element, denn alle drei Kennzeichen von Transdisziplinarität seien auf gelingenden Transfer angewiesen: (1) Für die Orientierung der Forschung an der Problembearbeitung müssen Wissenschaftler*innen verstehen, welche Praxisprobleme eigentlich bearbeitet werden sollen, weshalb Transfer in transdisziplinärer Forschung keine Ergänzung der wissenschaftlichen Publikation von Forschungsergebnissen ganz am Ende des Forschungsprozesses sei, sondern an dessen Anfang stehe, wobei die Wissenschaftler*innen dabei die Rezipient*innen des Transfers zwischen Praxis und Wissenschaft seien. (2) Auch die Methodologie transdisziplinärer Forschung, in der nicht-wissenschaftliches Wissen in eine produktive Verbindung mit wissenschaftlichem Wissen gebracht werden soll, basiere auf gelingendem Transfer, innerhalb dessen das jeweils andere Wissen verstanden werden muss, um seine Relevanz zur erfolgreichen Problembearbeitung angemessen beurteilen zu können. (3) Und die Umsetzung kollektiver Erkenntnisprozesse von Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen innerhalb des transdisziplinären Forschungsprozesses – als drittes Kennzeichen von Transdisziplinarität – stehe eigentlich ständig unter den Scheiterns-Bedingungen von Wissenstransfer. Wenn aber diesen drei Anforderungen transdisziplinärer Forschung durch erfolgreichen Transfer einigermaßen entsprochen werden könne, würde das, was üblicherweise mit „Transfer“ bezeichnet wird, völlig überflüssig. Denn die relevanten Praktiker*innen sind ja von Anfang an in die gemeinsame Forschung integriert und Praxiskommunikation findet bereits ständig im transdisziplinären Forschungsprozess statt, muss also nicht am Ende ergänzend hinzugefügt werden.
Dieser Einführung in das Fishbowl-Panel folgten drei Diskussionsimpulse von transfererfahrenen Kolleg*innen, in denen u.a. darauf fokussiert wurde, wodurch sich der Transfer in der Friedens- und Konfliktforschung bzw. -praxis vom Transfer in anderen Forschungs- bzw. Praxisfeldern unterscheidet; zudem konnten Erfahrungen aus drei unterschiedlichen institutionellen Kontexten präsentiert werden: Christina Pauls (Universität Augsburg) berichtete als Geschäftsführerin des „Transferzentrum Frieden Augsburg“ von den Bedarfsanalysen gemeinsam mit Praktiker*innen, die am Beginn der jeweiligen Aktivitäten des Transferzentrums stünden, dessen Aufgabe darin bestehe, in unterschiedlichen Formaten und Kooperationsformen zum Transfer der Expertise der Friedens- und Konfliktforschung in die Praxisfelder der Friedensstadt Augsburg beizutragen. Dies hänge auch damit zusammen, dass das Transferzentrum Frieden Augsburg aufgrund der gemeinsamen Trägerschaft von Stadt und Universität bereits eine transdisziplinäre Einrichtung sei. Ginger Schmitz, Geschäftsführerin der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung, betonte, dass bereits von ihrem Selbstverständnis als „Plattform“ her der Transfer in diesem Netzwerk angelegt sei, aber aktuell wachsende Bedeutung bekomme, weil das Feld der Friedensarbeit erheblich unter Druck sei, dem bei gelingendem Transfer erfolgreicher begegnet werden könne. Dabei sieht sie ein Transfer-Viereck am Werk von Wissenschaft, Praxis, Politik und Öffentlichkeit, wodurch Transfer in erheblichem Maße eine Form von Diskursarbeit darstelle. Zugleich dürfe nicht übersehen werden, dass Transfer in erheblichem Maße an einzelnen Personen hänge und nur schwer institutionell gesichert werden könne. Christof Starke (Friedenskreis Halle & Kooperationsverbund Demokratische Konfliktbearbeitung) differenzierte vor seinem Erfahrungshintergrund fünf verschiedene Transferfelder: einerseits eine Theoriebildung, in die Praktiker*innen direkt einbezogen werden, und andererseits eine aus der Praxis heraus entwickelte Forschung, für die aber zumeist die Ressourcen fehlten. Auch Lehraufträge von Praktiker*innen an Hochschulen sind aus seiner Sicht eine wertvolle Form des Transfers, ebenso die Mitwirkung von Wissenschaftler*innen an Austausch- und Begegnungsräumen, die praxisnah geschaffen werden. Und wofür sowohl von Praktiker*innen als auch von Wissenschaftler*innen seiner Meinung nach mehr getan werden müsse, sei der Transfer Richtung Politik, Öffentlichkeit und Gesellschaft. Mit diesen vier einleitenden Impulse waren für die sich anschließende Fishbowl-Diskussion zahlreiche Anregungen und vielfältige Erfahrungen geliefert, um mit allen Anwesenden über die Spezifika und die Zukunft des Transfers in der Friedens- und Konfliktforschung bzw. -praxis zu diskutieren.
