17. Juni 2022

Förderprogramm zivik: Interview mit Lorena Fries

Die Anwältin

Das Förderprogramm zivik stellt regelmäßig Portraits von Akteur*innen aus den geförderten Programmen vor. Dieses Mal wird Lorena Fries, Menschenrechtsanwältin und Präsidentin von „Humanas - Centro Regional de Derechos Humanos y Justicia de Género“ in Chile, porträtiert.

Über das Förderprogramm zivik unterstützt das ifa seit 2020 das Projekt „Women Constituents ", welches Genderfragen in den Fokus des Verfassungsprozesses rückt. Von 2016 bis 2018 war sie Chiles erste Untersekretärin für Menschenrechte, zuvor war sie sechs Jahre lang Direktorin des Menschenrechtsinstituts „Instituto Nacional de Derechos Humanos“.

Interviewfragen des ifa:

Die Resolution 1325 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zu Frauen, Frieden und Sicherheit betont die besonderen Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Frauen und Mädchen und fordert die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen. Was sind Ihrer Meinung nach die Chancen der Resolution und welche Herausforderungen sind mit ihr verbunden?

Lorena Fries: Ich glaube, die Chancen beziehen sich nicht nur auf die Bearbeitung von Konflikten, sondern vor allem auch darauf, diese im Vorfeld zu verhindern. Die Umsetzung der Resolution bedeutet, Frauen ins Zentrum des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenlebens zu stellen: Sie sind unabdingbar für den Aufbau und Erhalt von Gemeinschaften und verfügen somit über die notwendige Erfahrung, die Zeichen für sensibler werdende Situationen zu erkennen. Ein Beispiel dafür ist eine allgemeine Zunahme von Gewalt, insbesondere geschlechtsspezifischer Natur. Die Beteiligung von Frauen an Prozessen der Konfliktprävention und Friedenskonsolidierung ist Teil der Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik vieler Staaten.

ifa:

Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen sind aufgefordert, ihre eigenen „Nationalen Aktionspläne“ für die Umsetzung der Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ zu entwickeln. Gemeinsam mit UN Women arbeiten Sie an einem ganzheitlicheren Ansatz für die Resolution 1325. Was ist Ihre Kritik an Chiles Nationalem Aktionsplan und wie sieht Ihre Vision für einen besseren Ansatz aus?

Fries: Chiles Aktionsplan konzentriert sich auf Friedensmissionen nach außen, das heißt, auf eine Stärkung der Rolle von Frauen sowohl in den chilenischen Streitkräften als auch in internationalen Friedens- und Sicherheitsbehörden. Dies stellt natürlich einen gewissen Fortschritt dar. Für eine effektive Umsetzung staatlicher Politik brauchen wir jedoch eine Agenda zur Gleichstellung von Geschlechtern im eigenen Land, in der das chilenische Frauenministerium eine zentrale Rolle bei der Koordination spielt.

Der Plan muss innenpolitische Dynamiken im Blick haben, wie die Massenproteste im Herbst 2019, die zu einem verfassungsgebenden Prozess führten. Seit dieser Krise, und noch verstärkt durch die Pandemie, spielen die Streitkräfte für die öffentliche Sicherheit eine Hauptrolle – wenn auch nicht immer eine positive. Letztlich muss aber die Zivilgesellschaft in die Formulierung und Durchsetzung des Aktionsplans einbezogen werden, was bei der Erstellung des Dritten Nationalplans („Tercer Plan Nacional“) nur sehr geringfügig beachtet wurde. Die Erfahrungen der Menschen, die letzten Endes die Konflikte erleben, sind essentiell, damit zivilgesellschaftliche Organisationen, vor allem Frauenorganisationen, den Plan akzeptieren und in ihrer Arbeit umsetzen.

ifa: Beeinflusst die Resolution 1325 Ihre Arbeit?

Fries: Das könnte sie, wenn sie einen innenpolitischen Einfluss hätte. „Humanas“ forderte bei den Aufständen am 18. Oktober 2019 das Frauenministerium auf, im Einklang mit der Resolution zu handeln, die, zusammen mit einigen noch konkreter werdenden Folgeresolutionen, eine wichtige Leitlinie für Staatshandlungen darstellt. Dies ist leider nicht geschehen.

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